📖 Kostproben Kurzgeschichten

Kurzgeschichten und Texte aus Asien – zum Nachdenken und Staunen.

Mein älterer Bruder

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„Siehst du das? Das Rote mit den Zähnen? Das ist ein Saugbagger. Ein genialer Schneidkopf-Saugbagger. Der holt was raus aus dem Fluss: Schlamm, Sand, Kies. Große Felsbrocken kann er knacken wie Kokosnüsse. Mit einem Biss. Das ist ein Super-Cutter, mit einem Messerkopf wie ein Tiger. Der Kopf ist aus Stahl, dem allerhärtesten der Welt, dem besten, den es in Bangladesch gibt. Toll.“ Der junge Mann, der neben mir im Sampan sitzt, freut sich kindlich, einem Fremden seine schöne technische Wasserwunderwelt von Chittagong zu erklären. Auf der Fahrt über den Karnaphuli River schwärmt er von allem, was sich bewegt: Öltanker, Fähren, Bagger, Schlepper, hypermoderne Frachtschiffe und hofft, dass ich genau so begeistert bin.
Wir sitzen auf einem flachen Sampan, einem traditionellen Holzboot, in sechs Reihen hintereinander: Arbeiter, Gemüsehändler, Alte. Die Überfahrt zum Fischhafen im Süden der Stadt dauert kaum mehr als zehn Minuten. Sampans gibt es hier in allen Größen und Bauarten, alte Holzboote mit dickem Boden auf einer leicht geschwungenen Kiellinie mit einem markant ansteigenden Kopf, dem „Anni“. Diese Boote werden heutzutage nur noch selten mit einem Handruder, einem Sculler über dem Heck, angetrieben. Wir fahren schnell und bequem mit Außenbordmotor. Seit Japaner den Tiefwasserhafen in Matarbari südlich der Stadt mit vier Kohlekraftwerken und einem Flüssiggas-Terminal ausbauen und Inder und Chinesen Transit-Transportprojekte und Pipelines finanzieren, boomt die Wirtschaft. Das ist die neue Kolonialherrschaft im 21. Jahrhundert, die von der Regierung in Bangladesch unterstützt wird, aber das fragile Ökosystem und die Fischbestände stark gefährdet. Doch, wenn es keine andere Arbeit gibt in diesem überbevölkerten Armenhaus, wer will schon dagegen argumentieren?
Links von mir sitzt ein Mann mit kurzem weißen Bart. Er sammelt das Fahrgeld ein von den Männern, die im Boot mitfahren, 10 Taka von jedem, etwa 10 Eurocent. Das Sammeln organisiert immer einer der Fahrgäste, weil der Fährmann seinen Platz auf dem erhöhten Heck des Bootes nicht verlassen kann. Wenn alle bezahlt haben, wird ihm das Geld hinaufgereicht. Der Mann mit dem weißen Bart, als er sein ehrenamtliches Geschäft erledigt hat, fällt dem jungen Technikfan ins Wort. Auch er will sich mit mir unterhalten. Nur mühsam, mit ein paar einfachen englischen Brocken, kommt ein Gespräch in Gang. Wo ich geboren bin, wohin ich unterwegs sei, was ich an Bangladesch bewundere, will er wissen. Dann lacht er mich an und meint, ich sei ein sehr freundlicher Mensch, wie ein jüngerer Bruder. Ist er älter als ich? Sein Gesicht ist tief gebräunt, doch sehr alt kann er noch nicht sein. Er hält einen Korb zwischen seinen Knien, ein Bauer, der seine Waren auf dem Markt verkaufen will. „Weil du mein jüngerer Bruder bist“, meint er fröhlich, „musst du sofort mein bestes Obst probieren“. Ich suche mir eine Mandarine aus und gebe ihm dafür ein paar Taka. Darüber freut er sich so, dass er es sofort allen, die vor ihm und hinter ihm sitzen, erzählen muss. Als ich ihn frage, ob nicht er vielleicht der Jüngere von uns beiden sei, sieht er mich erstaunt an, schüttelt den Kopf und streitet das sehr bestimmt ab. „Das kann nicht sein. Ich bin fast fünfzig und ein sehr alter Mann. Das kannst du doch sehen.“ Er richtet sich stolz auf. Ich streite nicht mit ihm. Älter zu sein, das heißt, für ihn: Ich bin klüger, ich habe mehr Erfahrung und weiß immer was richtig ist. Jetzt mischt sich wieder der junge Mann ein, der mit dem Saugbagger. Ich sei, vielleicht älter, zumindest viel erfahrener, weil ich von weit her käme, hinter Indien, aus China oder Amerika. Das bringt den Weiß bärtigen dazu, noch heftiger den Kopf zu schütteln und lautstark auf Chinesen und Amerikaner zu schimpfen. Alles wollten die kaufen, das ganze Land, nur nicht seine Früchte. Kein Amerikaner habe ihm jemals etwas abgekauft. Ich aber schon. Ich könne kein Amerikaner sein.
Als wir endlich am Bootssteg ankommen und ausgestiegen sind, setzt sich der Mann mit dem Bart auf eine der Steinbänke. Er stellt seinen schweren Korb mit Früchten vor sich auf und will, dass wir noch einmal miteinander reden. Auch der junge Technikfan, der uns nicht aus den Augen lässt, hockt sich dazu. Der Alte erklärt allen Leuten, die hier auf dem Kai auf eine Überfahrt warten: „Das ist mein Bruder. Mein jüngerer Bruder. Er ist sehr lustig und er ist kein Amerikaner.“ Das muss der junge Mann sofort kommentieren. „Er ist kein Chinese. Das sieht jeder. Ein Amerikaner aber kann er schon sein.“
Schließlich muss ich meinen Pass vorzeigen, um den Streit zu schlichten. „Ein Deutscher? Was ist ein Deutscher? Nie gehört. Und dein Alter?“ Der Mann mit dem Bart kann es nicht glauben. „Das stimmt doch nicht“, meint er, „der Pass ist gefälscht“. Dann zögert er, überlegt und lächelt verschmitzt: „Wenn du wirklich schon so alt bist, dann kannst du mir meine Früchte abkaufen. Jetzt. Sofort. Alle.
Alte Männer brauchen frisches Obst. “
Erstellt am: 2026-09-30 15:36:22